Die Entstehung der Exerzitien des hl. Ignatius von Loyola
P. Stefan Würges SJM
Man kann nicht über die Exerzitien reden, ohne ihren „Erfinder“ zu
erwähnen. Der heilige Ignatius von Loyola wurde in der baskischen
Provinz Guipúzcoa auf der Burg Loyola im Jahr 1491 geboren. Eine
Kanonenkugel zerschmetterte ihm im Frühjahr 1521 bei der
Verteidigung der von den Franzosen angegriffenen Stadt Pamplona ein
Bein. Bis zu diesem Zeitpunkt führte er ein rein weltliches Leben.
Seine Laufbahn als Soldat und Offizier war dahin, doch gleichzeitig
war dies der Beginn einer anderen Laufbahn. In dem „Bericht des
Pilgers“ – eine dem P. Luis Goncalves da Camara
erzählte und von diesem niedergeschriebene bzw. diktierte Biographie
des Heiligen – lesen wir, dass ihm während der Heilung dieser
Kriegswunde bereits die ersten Gedanken kamen, die er dann im Exerzitienbüchlein niederschrieb. In dieser Zeit las er aus
Langeweile die Bücher „De vita Christi“ (über das Leben Christi) des
Kartäusermönchs Ludolf von Sachsen (14. Jahrhundert) und eine
Heiligenlegende. Seine Gedanken richteten sich einerseits auf das
Leben der Heiligen, so dass er sich sagte: „Was wäre, wenn ich das
täte, was der hl. Franziskus getan hat, und das, was der hl.
Dominikus getan hat?“ Andere Gedanken richteten sich auf die Dinge
der Welt, die er früher zu tun pflegte: eitle Dinge, die sein Herz
in Besitz genommen hatten… Der „Bericht des Pilgers“ berichtet von
einem Unterschied zwischen diesen Gedanken: „Wenn er an das von der
Welt dachte, vergnügte er sich sehr. Doch wenn er danach aus
Ermüdung davon abließ, fand er sich trocken und unzufrieden. Und
wenn er daran dachte, barfuß nach Jerusalem zu gehen und nur Kräuter
zu essen und alle übrigen Strengheiten auszuführen, von denen er
las, dass die Heiligen sie ausgeführt hatten, war er nicht nur
getröstet, während er bei diesen Gedanken war, sondern blieb auch,
nachdem er davon abgelassen hatte, zufrieden und froh.
Diese Erfahrung veränderte sein Leben; seine Bekehrung rückte immer näher, sein
neues Ziel wurde immer klarer: ein Heiliger werden! Besonders die „vita
Christi“ übte einen starken Einfluss auf ihn und seine
Betrachtungsmethode aus. Die Frömmigkeit der dem heiligen Ignatius
vorausgehenden Jahrhunderte war stark auf die Einbildungskraft, auf
die Verbildlichung der Geheimnisse des Herrenlebens, besonders des
Leidens Christi, ausgerichtet. Man begann aus den Evangelien und den
Schriften der Kirchenväter zu schöpfen und bemühte sich, die
Ereignisse des Herrenlebens bis in die kleinsten Einzelheiten so
vorzustellen, als ob man dabei wäre. Die Gläubigen pflegten das
irdische Leben des Erlösers zu verfolgen und es sich durch ihre
Vorstellungskraft bis in die kleinsten Einzelheiten „vor Augen zu
führen“. Der heilige Ignatius von Loyola stützte sich auf diese
Lehrer des innerlichen Lebens und ordnete diese Methode in der
Weise, wie sie in den Exerzitien zu finden sind. Während seines
Aufenthaltes in Manresa bei Barcelona (März 1522 – Jan. 1523)
schrieb er wesentliche Stücke der Exerzitien nieder.
„Was Ignatius in den Stunden und Tagen seines innigen Verkehrs mit Gott erkannt und erfahren hat, das reiht er dann in wunderbarer Klarheit und zwingender Folgerichtigkeit so aneinander, dass er auf vier Stufen, die er Wochen nennt, durch den Weg der Läuterung zum Wege der Erleuchtung und zum Wege der Vereinigung emporführt.“ (P. Viktor Kolb SJ, Das Leben des hl. Ignatius von Loyola.) Die Reihenfolge dieser Wege und die Exerzitien spiegeln den Weg eines Sünders zur Heiligkeit wider. Dieses Buch, in dem er die Art und Weise zeigt, die Seele durch Reue und Buße zu reinigen, die Geheimnisse des Lebens Christi zu betrachten, eine gute Wahl anzustellen, nicht bloß über den Beruf, sondern auch über beliebige andere Dinge, sich zur Liebe Gottes zu entflammen, endlich die verschiedenen Gebetsweisen zu üben, begleitete Ignatius, so lange er lebte. Das Exerzitienbuch war nach dem Aufenthalt in Manresa noch nicht zur Vollendung gelangt, Verbesserungen wurden immer wieder vorgenommen.
Auch über das Exerzitienbüch insgesamt kann man sagen, dass es schon
Vorläufer davon gab. Hier ist der heilige Bonaventura und Thomas von
Kempen zu nennen. Man kann aber daraus nicht schließen, dass der
heilige Ignatius von diesen abgeschrieben hätte.
Über die Exerzitien schreibt P. Viktor Kolb SJ in diesem
Zusammenhang folgende treffenden Worte: „Nicht aus psychologischen
Erwägungen, nicht aus theologischen Spekulationen, nicht aus der
Lesung aszetischer Schriften sind diese Übungen hergenommen, sondern
aus den Aufzeichnungen seiner eigenen Erfahrung. Es war ein großer
Meister, der Ignatius im geistlichen Leben unterrichtet und geführt
hat, darum ist auch die Wiedergabe dieser Führung ein großes
Meisterwerk, das in seiner Art einzig dasteht. Sie enthält das
innerste Geistesleben des hl. Ignatius, deshalb sind die Exerzitien
im vollsten Sinne des Wortes Ignatianische Exerzitien zu nennen. Wie
sie sein Leben umgestaltet haben, so wirken sie Leben umgestaltend
fort im Laufe der Zeiten“ (P. Viktor Kolb SJ, Das Leben des hl.
Ignatius von Loyola).
Im Jahre 1548 wurden die Exerzitien von Papst Paul III. in dem Breve
„Pastoralis officii“ (Die Sorge um das Hirtenamt) nicht nur
approbiert und gelobt, es heißt dort ganz ausdrücklich: „Wir
ermuntern auch eifrigst im Herrn alle und jegliche einzelnen
Christgläubigen beiderlei Geschlechts, welchen Stand auch immer sie
einnehmen mögen, dass sie so fromme Belehrungen und Übungen
gebrauchen und sich dadurch andächtig unterweisen lassen möchten.“
Der heilige Ignatius wurde am 27. Juli 1609 selig und am 12. März 1622 heilig gesprochen. Papst Pius XI. erhob ihn 1922 zum Schutzheiligen aller Geistlichen Übungen.
