Servi Jesu et Mariae
Diener Jesu und Mariens
Kongregation päpstlichen Rechtes
deum Invenire in omnibus

Ostergruß aus Karaganda

Karaganda, 16.04.09

Als ich vor gut 6 Wochen meinen letzten Brief auf den Bildschirm brachte, hegte ich die feste Hoffnung, dass doch irgendwann bald mal das neue Leben aufwachen könnte. Diese Hoffnung hat sich, was die Natur betrifft, nicht erfüllt. Bei Frost und Neuschnee wagen es noch nicht einmal die tapfersten Pioniere der Pflanzenwelt ihre Köpfchen aus der Erde zu strecken.

Zum Glück beschränkt sich das Leben aber nicht nur auf den Frühlingsanfang. Zuerst einmal ist erwähnenswert, dass mein (noch) junggeselliger Mitbewohner mit einer wichtigen Mission für einen Monat vom kalten Osten in den warmen Westen geflogen ist. Das hat vor allem das Leben in der Küche verändert. Die früheren Geschirrberge schmelzen dahin wie die Polarkappen.

Und für unseren Morgensport ‚Teebeutel-Weitwerfen’ ist Winterpause angesagt. Diese Sportart ist beschreibenswert. Wir sitzen also in aller Frühe am Küchentisch und haben uns, wie hier üblich, unseren Tee eingeschenkt. Nach 3 Minuten Ziehzeit wird der Beutel kunstfertig aus dem Tee gefischt, um den Löffel gewickelt ausgedrückt und dann freischwingend zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten. Jetzt kommt die besondere sportliche Leistung:

Im hohen Bogen wird der Teebeutel mit einem schönen „Blatsch“ in die Spüle geworfen. Dabei haben wir eine 3 Punkte Wertung. Ein Punkt: Der Beutel fällt genau ins Spülbecken. Zwei Punkte: Der Beutel fliegt zuerst mit einem ‚Blitsch’ an die Fließen und dann mit einem ‚Blatsch’ ins Becken. Drei Punkte: Erst ein ‚Blitsch’ an die Wand, dann ein ‚Flutsch’ über den Wasserhahn und dann das ‚Blatsch’ ins Becken. Minuspunkte gibt es wenn der Beutel auf der Schranktür oder auf dem Küchenboden landet. Wir nennen diese Veränderung der Verhaltensmuster ‚Unkulturation’ und sie konnte jetzt glücklicherweise gestoppt werden.

Da ich gerade von ‚Unkultruation’ spreche kann ich es mir nicht verkneifen einen Kommentar über einen der verbreitesten und leider auch dümmsten Kulturträger abzugeben. Über die Print-Medien im Allgemeinen (verbreit) und über den Spiegel im Besonderen (dümmst). Von hier aus betrachtet war/ist es wirklich peinlich wie ein wichtiger deutscher Meinungsmacher mit penetranter Resistenz gegen die Wahrheit versucht das Ansehen eines der weltbesten Theologen und menschenliebenden Seelsorgers zu demolieren. ‚Spiegel’ arbeitet nach dem Prinzip, dass ein Vorurteil dann wahr ist, wenn man es lang genug behauptet. Tragisch an der ganzen Sache: ‚Spiegel’ gibt sich den Anschein für Intellektuelle zu schreiben, dabei ist er in der Tat nur Bildzeitung mit mehr Worten und weniger nackten Frauen. Vielleicht wäre es besser wenn wir von ‚Spiegel’ nur noch den Sportteil veröffentlichen, da macht es nichts wenn sie manipulieren, und von ‚Bild’ die Nachrichten über die Kirche, da sieht man, dass sie manipulieren. Beim Blick von der Ferne auf meine Heimat kommt mir öfter ein kasachischer Witz in den Kopf. Wenn Du einen Menschen los werden willst, dann lad ihn zum Essen ein und lass ihn sich voll stopfen bis oben hin. Dann setz ihn auf dein bestes (höchstes) Ross und beim Heimreiten fällt er sicher runter und platzt!

Aber jetzt wieder nach Karaganda und zum aufwachenden Leben. Erst mal zu meiner Jugend. Da haben wir doch vor 4 Wochen 20 alte Fahrräder aus Deutschland bekommen. Es war echt super zu sehen, wie die 20 jährigen zu richtigen Kindsköpfen wurden. Ungeachtet von Eis und Schnee, Dreck und Regen haben sie täglich mein täglich mein Pfarrhaus belagerten und die Herausgabe der Fahrräder gefordert!

Um dem zu entfliehen setzten wir den lange gehegten Plan in die Tat um, mit den engagierten Frauen der Pfarrei St. Josef/Karaganda ein Einkehrwochenende durchzuführen. Das freie Wochenende zu ‚Nauris’ (Frühlingsanfang) gab den günstigen Anlass. Und so machten wir, 25 Hausfrauen und ein Pfarrer, uns auf nach ‚Molodjoshnoje’, einem 100 km von Karaganda entfernten Dorf, in dem unsere Diözese ein Exerzitienhaus besitzt. Die ersten Stunden waren für mich überraschend. Es war so still. Es war zu spüren wie dankbar die von Beruf und Familie ständig geforderten Frauen für die Ruhe waren, die sie hier fanden. Diese Dankbarkeit war die ganze Zeit gegenwärtig und so waren die gemeinsamen Gespräche, trotz meinem mangelndem Russisch sehr bereichernd, für mich und für die Teilnehmer. Interessant festzustellen, dass die Sorgen und Fragen des Lebens über die Kulturen hinweg die gleichen sind.

Einkehrtag

Dieses Wochenende war die Ruhe vor dem Sturm der ‚katholischen Chaostage’ auf Ostern hin ‚in Berlin’. (So heißt Maikuduk wegen der ursprünglich deutschen Bevölkerung noch heute im Volksmund). Auftakt: Das Jugendtreffen zum Palmsonntag. Von Freitag bis Sonntag 80 Jugendliche aus der Diözese zu Gast. Für deutsche Verhältnisse eine Kleinigkeit hier aber eine Pionierleistung. Eingeladen hat der Erzbischof, verantwortlich war mein neuer Nachbarpfarrer Wladimir Nemez (Deutsch!) aus der Slowakei und Gastgeber war die Pfarrei St. Josef.

Am Dienstag Chrisam-Messe mit den Priestern der Diözese. Und am Donnerstag beginn des hl. Triduums. Diese Tage sind ja so schon in der Heimat nicht ganz ohne, aber dann noch alles auf russisch und mit begeisterten, aber chaotischen Ministranten... Dazu saß mir der Vorjahreskrach bzgl. ‚Stümperliturgie’ mit unserem Hauptliturgen und Erzbischof im Hinterkopf.

Wir haben hier noch zum vollen Programm zusätzliche Sahnehäubchen wie z. B.: Erwachsenentaufe; ständige Anbetung von Donnerstag bis Samstag zur Osternacht (Eine liturgische Eigenwilligkeit die den Reformbestrebungen aller meiner Vorgänger widerstand.); bei den Gottesdiensten irgendwelche Prozessionen kreuz und quer durch die Kirche und Speisesegnungen schon vor (sic!) der Osternacht. Einfach gesagt ein wahrer Albtraum für jeden Zeremoniar und, weil es diesen hier nicht gibt, erst recht für den Pfarrer. Kurz und gut: "Per aspera ad astera.“ Am Ende hieß es: „Halleluja! Jesus lebt! Jesus lebt in den Getauften. Jesus lebt in Seiner Kirche. Jesus lebt in den die Sakramenten, die das ewigen Lebens spenden.

Zum ersten mal wich die Spannung, als ich mit dem Weihwasser in der Osternacht die Gläubigen an ihr Taufgelübde erinnern durfte. Das ging ihnen im wahren Sinn des Wortes durch und durch! Ich mochte schon immer Wasserschlacht und hier durften die anderen nicht einmal zurück spritzen! Das neue Leben in Christus wird nach katholischem Brauch hier nicht nur in der Liturgie gefeiert. Da diese 2ten Feierlichkeiten mit denen meines Geburtstages zusammenfielen kam ich am Ostersonntag rekordverdächtige 23 Stunden nicht aus der Feierstimmung heraus. Da die Menschen hier im Osten mit ihren Glückwünschen sehr überschwänglich sind, wird in diesem Jahr nicht nur Ostern, sondern auch der Geburtstag mit einer Oktav gefeiert.

Ganz zuletzt will ich noch einen neuen Bekannten erwähnen, der mir das Leben hier unwahrscheinlich erleichtert. Er hat den wohlklingenden Namen ‚Kalaschnikow’ und ist ein ganz wichtiger Mann im Innenministerium. Also eigentlich kenn ich ihn ja gar nicht, aber ich weiß, dass es ihn gibt und das reicht mir. Wie in allen Ländern gibt es auch hier Korruption. Sehr zum Leidwesen des Präsidenten auch bei der Polizei. Früher hatte ich immer Angst vor den fadenscheinigen Kontrollen eines Bestechungsgeld hungrigen Ordnungshüters. Jetzt hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Ich werde also angehalten. Der ‚gute’ Mann nimmt meine Papiere und er (er)findet einen Regelverstoß über den er sich äußerst empört zeigt und er droht meine Papiere zu behalten. Danach gibt er sich gütig und erklärt, dass ich sie für einen ‚lächerlich’ kleinen Betrag von z. B. 10 000 Tenge (~50 €) zurück bekomme. Genau in diesem Moment zücke ich mein Handy und beginne auf Deutsch mit meinem junggeselligen Mitbewohner ein gestelltes Telefongespräch dabei fällt auf Russisch das Wort ‚Deutsche Botschaft’. Dann führe ich das fiktive Gespräch mit meiner ebenso fiktiven Sekretärin auf russisch weiter und erkläre umständlich wo im Büro die Telefonnummer von Herrn Kalaschnikow liegt. Der Name Kalaschnikow wird dabei zweimal deutlich wiederholt. Meistens habe ich das Gespräch noch gar nicht beendet, da habe ich meine Papiere schon wieder in der Hand und werde mit den besten Wünschen auf die Weiterreise geschickt! Echt lustig.

Das ganze lässt sich auch wunderbar in eine Osterpredigt einbauen. Seit der Auferstehung und deren Annahme bei der Taufe haben wir ja in der Tat einen sehr guten Bekannten bei der obersten Regierung. Immer wieder sind wir in Situationen in denen von uns Bestechungsgeld (= falscher Kompromiss) gefordert wird. Da gilt es dann sich auf seine Sprache und auf seine eigentliche Staatsangehörigkeit zu besinnen. Zuletzt sollte dann ganz deutlich der Name unseres Fürsprechers, des Auferstandenen, des Zuständigen für innere Angelegenheiten, in unserm Hirnkasten klingen und damit sollte sich dann die Situation klären. Halleluja! Jesus lebt!

Alles Gute und Gottes Segen. Gesegnete Ostern.

P. Hans-Peter Reiner