Kasachstan: August 2008 bis Januar 2009
Während ich hier mitten in der Steppe in einem ehemals deutschem Dorf namens Tonkoschurowka mir erste Gedanken über einen Bericht vom vergangenen halben Jahr in Kasachstan mache, rüttelt ein wütender Schneesturm an den vereisten Fenstern. Vor der Tür herrscht jetzt дед мороз (djed maros) –Väterchen Frost, wie der wenig väterliche Winter genannt wird: Windböen fegen durch die Steppe, pfeifen an den Schornsteinen und rütteln an den Türen. Keine der Straßen, die durch die Steppe führt, ist befahrbar. An den Ortsausgängen stehen oft Polizeisperren, die die letzten Wagemutigen anhalten und schleunigst nach Hause schicken.
Innerhalb der dicken Wohnmauern allerdings herrscht Wärme und Gemütlichkeit. Jedenfalls meistens. Bei uns ist leider seit einigen Tagen die Heizung ausgefallen. Gut, dass mich niemand sehen kann, wie ich in Pelzmantel und Fellkappe am Schreibtisch sitze, während ich mir immer wieder die Hände am Elektro-Heizstrahler aufwärme.
Unter diesen Umständen fällt ein Rückblick aus dieser bizarren Winterlandschaft nicht leicht. Hatten wir doch bei meiner Ankunft in Astana am zweiten August beinahe 40 Grad Celsius. Die Steppe war braun und ausgedörrt, unterbrochen von vertrockneten Seen, die nur noch durch die Salzkruste, die sie im Steppenboden zurückließen, erkennbar waren.
Zentralkasachstan ist ein Gebiet, das von Steppen und Halbwüsten
dominiert wird, immer wieder unterbrochen von bis über 1000 Meter
hohen, meist bewaldeten Hügeln.

Nach einigen Stunden Fahrt von Astana in Richtung Karaganda ragen vor uns einige dieser Hügel empor, gleichsam als Skyline von Temirtau, einer Stadt, die ihre Existenz einzig und allein der Schwerindustrie verdankt, die hier angesiedelt ist. Abgesehen von der „Altstadt“, die einige schöne, wenn auch meist wenig gepflegte Bauwerke aufweist, finden sich überwiegend Plattenbauten aus der Ära der Sowjetrepublik und unzählige Fabriken, in denen besonders Eisen verarbeitet wird. Hier betreut P. Janusch Wollnie SJM die Pfarrei St. Andreas und hier ist mein erster Aufenthalt in Kasachstan.
Meine ersten Eindrücke sammle ich auf dem Basar, in dem das ganze
Jahr über unter freiem Himmel Produkte zum Verkauf angeboten werden.
Hier zeigt sich vielleicht am Deutlichsten, dass man Europa
tatsächlich hinter sich gelassen hat (auch wenn Teile von
Kasachstan, nimmt man den Uralfluß als Grenze zwischen Europa und
Asien, noch zu Europa gehören). Helle russische Gesichter, Kasachen,
Tartaren und viele andere Volksstämme drängen auf den schmalen Wegen
zwischen den Verkaufsbuden, in denen sich die „Reichtümer des
Orients“ häufen: Von Lebensmitteln, Kleidung, Werkzeug und
Computerspielen bis hin zu traditionellen kasachischen Trachten und
Musikinstrumenten kann man hier alles bekommen. Zwischendurch zwängt
man sich in eines der Basarrestaurants, um Schaschlyk oder Lagman
(ein uigurisches Gericht aus gekochten Röhrennudeln, mit einer Tunke
aus Fleisch- und Gemüsestücken übergossen), die auf offenem Feuer
bereitet werden, zu probieren. Bevorzugt man Makabres, dann ist etwa
Kazy zu empfehlen: ein mageres, gewürztes, in Pferdedärmen
getrocknetes, heißgeräuchertes und dann gekochtes
Pferde-Rippenfleisch. Dazu trinkt man Tschaj, oder auch vergorene
Stutenmilch, Kumys genannt. Die Restaurants sind in Wirklichkeit
nichts Anderes als kleine Blechverschläge, wobei sich die „Küche“
vor der Tür (die oft nur ein Vorhang ist) befindet. Sie besteht im
Wesentlichen aus einigen Blechfässern, in denen mit Kohle oder Holz
die entsprechenden Spezialitäten verfertigt werden. Dass diese
Gerichte samt ihrer Zubereitung besonders bei Neuankömmlingen zu
Magenschwierigkeiten führen können, erlebte ich recht eindrücklich
am eigenen Leib.
In der Nähe des Basars leben die missionaries of charity: Sie kümmern sich hauptsächlich um Obdachlose und Alkoholiker. Mehrmals in der Woche bieten sie eine Armenspeisung an, zu der immer viele Leute kommen, ausgestattet mit Plastiktüten und Blechnäpfen, um die Reste der Mahlzeit in ihre Schlupfwinkel mitzunehmen. Schlimm wird es im Winter, wenn sie vor der Kälte unter die Erde zu den nur schlecht isolierten Warmwasserleitungen flüchten, um dort der grausamen Kälte zu entgehen. Dazu kommt noch, dass die Kleider nur so von Schmutz und Ungeziefer starren. Die Kleidungsstücke, die die Leute während der Mahlzeiten ablegen, entwickeln oft überraschend viel Eigenleben.
Bei den Schwestern konnte ich mehrmals in der Woche die Messe
zelebrieren und auch bei der Armenverpflegung mithelfen. Übrigens
arbeitet P. Janusch neben der Pfarrei, die viel Arbeit kostet, in
der Caritas, wo er ständig mit viel Elend konfrontiert wird. Eines
Abends bringt er eine kleine Familie mit nach Hause: Eine Mutter mit
ihren zwei Kindern, die aufgrund eines Betruges, Wohnung und Geld
–samt den Papieren verloren haben. Seinem Einsatz ist es zu
verdanken, dass sie bei Leuten aus unserer Pfarrei unterkommen.
Mehrere Wochen geht alles gut, doch dann geschieht etwas Seltsames:
An dem Tag, an dem P. Janusch für die Familie die neuen Papiere
ausstellen will, ist diese plötzlich verschwunden und nicht mehr
auffindbar. Leider stellt sich bald heraus, dass diese Leute
Betrüger sind, und als solche schon einschlägig bei den Behörden
bekannt waren.
Schon einige Woche zuvor hatte ich die Aufgabe, die Wohnung zweier junger Erwachsener zu weihen. Beide waren Akademiker, konnten aber mit ihrem Einkommen mit Müh und Not eine kleine Wohnung bezahlen. Schon der Weg dorthin war schwierig: Oft verschwand das Taxi, in dem ich unterwegs war, in einem der riesigen Schlaglöcher, die sich vor uns auftaten. Wie durch ein Wunder gelang es dem Fahrer, sein Auto aus diesen Kratern heraus zu manövrieren. Endlich am Ziel angelangt, stand ich vor einer der Plattenbauten, die für die sozialistische Ära im ganzen Ostblock typisch waren, allerdings vor einem der schlechteren und baufälligeren Exemplare. Bis heute konnte mir niemand erklären, warum viele Häuser trotz den Gesetzen der Schwerkraft und der Statik nicht in sich zusammenbrechen. Nachdem ich die Wohnung im dritten Stock mit etwas Mühe erreicht hatte, empfingen mich die Beiden überaus gastfreundlich und wir nahmen die Wohnungsweihe vor. Sie erklärten mir, das in diesen Räumen ein Drogenabhängiger gewohnt habe, der hier aufgrund einer Überdosis vor kurzer Zeit gestorben war. Seitdem fühlten sie sich in den Räumen nicht mehr wohl.
Unabhängig von den übernatürlichen Gründen für dieses Unwohlsein, gaben auch einige natürliche Ursachen dazu Anlass: Einige Räume waren in einem katastrophalen, nicht mehr bewohnbaren Zustand, Fensterscheiben fehlten, Tapete und Farbe deckten nur notdürftig den blanken Beton der Wände und des Fußbodens ab. Der Traum der Beiden ist es (wie bei vielen anderen jungen Leuten), nach Russland auszuwandern, wo sie sich mehr Perspektiven erwarten. Denn gerade hier in Temirtau gibt es viel Arbeitslosigkeit, zahllose Drogenprobleme und eine hohe Kriminalitätsrate. Vor dem Wohnblock spielen zahlreiche Kinder auf Sandhügeln oder auf rostigen Eisenkonstruktionen, die vielleicht früher so etwas wie Schaukeln oder Klettergerüste gewesen waren. Als wir das Haus verlassen erhalte ich von hinten einige Wasserspritzer auf den Kopf. Ich entdecke ein kasachisches Kind, das aus einem der Rahmenlosen Fenster grinst, mit einer Wasserspritze in der Wand. Ich winke nach oben, mein Begleiter allerdings ruft ihm etwas zu, was hier lieber unübersetzt bleibt.
Nach einigen Wochen finden die Einkehrtage der Diözese Karaganda statt, zu denen P. Janusch und ich eingeladen sind. Sie finden in Karkarasinsk statt, einer der oben beschriebenen bewaldeten Hügellandschaft mitten in der Steppe. Hauptzweck des Treffens ist es, detaillierte Informationen über den Apostel Kasachstans, P. Bukowinski (1904-1974), weiterzugeben. Dazu wurde als Referent ein polnischer Pater bestimmt, der als Postulator für den Seligsprechungsprozess des Dieners Gottes eingesetzt ist. Neben den Vorträgen gibt es viele Gelegenheiten zu wandern und Sport zu betreiben. Übrigens stammen die meisten Priester und Ordensleute nicht selbst aus Kasachstan, sondern aus Polen, Slowakei, Deutschland, usw.
Der erste kasachische Priester, der im Priesterseminar von Karaganda ausgebildet worden war, wurde im Sommer 2008 in der Kathedrale geweiht. Gemeinsam mit ihm erkunden wir die Umgebung. Der höchste Gipfel hier ist um die 1000 Meter. Von hier aus bietet sich ein herrlicher Überblick über die ganze Gegend. Um uns herum Föhrenwälder und bizarre Granitgebilde, die von Wind und Wetter geformt und ausgehöhlt wurden. Doch die letzten Hügeln fallen direkt in die Steppe ab, die sich braun-grau bis an den Horizont ausdehnt.
Die Heimfahrt endet für mich in der Dompfarrei zu Karaganda (Karaghandy),
wo P. Hans Peter Reiner SJM wirkt. Den Namen hat die Stadt von
kugelförmigen Stachelpflanzen, karaghanik genannt, die bei Sturm wie
wilde Igel über die Steppe jagen. Aufgrund der großen
Steinkohlevorkommen wurden in der Zeit der Sowjetrepublik über
800000 (!) Sträflinge (aus Wolgagebieten, Kriegsgefangene Deutsche,
Japaner, usw.) hierher deportiert, um unter härtesten Bedingungen in
den Kohlengruben zu arbeiten. Bereits im ersten Jahr lebten hier
etwa 70 000 Menschen, die in einfachen Erdlöchern vor dem
grauenhaften Winter Schutz suchten. Hier wirkte P. Bukowinski viele
Jahre seines Lebens bei Menschen, die ihrer materiellen
Lebensgrundlage entrissen, ihren Glauben im Geheimen praktizieren
mussten. Es gelang ihm trotz jahrelanger Haft, ständig beobachtet
und oftmals verhört von kommunistischen Behörden, ein blühendes
Gemeindeleben zu begründen, das bis heute Bestand hat. Zahlreiche
Ordensgemeinschaften sind hier angesiedelt, von kontemplativen
Karmeliten bis zu aktiven Schwestern, die sich z.B. um die Jugend
annehmen.
Ein Projekt verdient besonderer Beachtung: Seit einigen Jahren baut die Diözese an einer neuen Kathedrale, die mit ihrem neo-gotisch ähnlichem Stil wohl einzigartig in ganz Mittelasien sein dürfte. Irgendwann in den kommenden Jahren dürfte der Bau fertiggestellt werden.
Schon in Karkaralinsk hat sich der Herbst angekündigt. Während ich nach meinem Aufenthalt in Temirtau und in Karaganda unterwegs in den Norden des Landes bin, zeigt er sich von seiner schönsten Seite: Strahlender Himmel (das Blau findet sich auf der Staatsflagge wieder) und immer wieder Birkenwälder, die sich in ein für die Augen beinahe schmerzhaften Gelb gekleidet haben. Wohlmeinende Leute hatten mir von der Reise in den gefährlichen Norden abgeraten: Nicht nur das Klima und die unendliche Steppe berge viele unvorhersehbare Risiken, nein, auch halbverhungerte Wölfe stellten eine große Bedrohung dar. Und tatsächlich sind vor einigen Jahren einige Kinder unweit unserer Missionsstation von Wölfen zerrissen worden. Allerdings hatte ich bis jetzt erst eine einzige flüchtige Begegnung mit einem Steppenfuchs, der, sobald er meiner ansichtig wurde, das Weite suchte. Gefährlicher sind schon die kasachischen Pferde, die während der Fahrt durch die Steppe oft völlig unverhofft vor dem Wagen auftauchen.
Dank der Autobahn, die sich jedes Jahr ein Stück weiter nach
Norden erstreckt, beschränkt sich die Fahrzeit von früher über 10
Stunden auf die knappe Hälfte. Vor den Gefahren erhöhter
Geschwindigkeit warnen nicht wie bei uns, mehr oder weniger
aufrüttelnde Plakate. Statt dessen stehen in Straßennähe die Wracks
der Unfallautos. Ob diese durchaus wirksame Abschreckung als solche
auch geplant ist, oder sich nur zufällig aufgrund fehlender
Abschleppwagen ergab, weiß
ich allerdings nicht. Etwa auf halber Strecke endet die Autobahn.
Danach wird es mehrere Stunden lang recht ungemütlich, sodass man
gegen Abend mit schmerzenden Gliedern und am ganzen Körper
zerschlagen am Ziel der Reise angelangt: Korneewka –ein größeres
Dorf, in dem sich unsere Missionsstation befindet.
P. Peter Eichenhüller SJM kümmert sich hier um ein riesiges Kollektiv, bestehend aus Schule, Kindergarten, Internat. Dazu kommt noch eine Landwirtschaft und natürlich die Pfarrei. Hier werde ich die nächsten Monate verbringen, um mir die russische Sprache anzueignen, die – auch wenn Kasachisch Amtssprache ist – nach wie vor von den Leuten verwendet wird. Kasachisch ist eine Turksprache und ist aufgrund vieler seltsamer Kehllaute gar nicht leicht auszusprechen, und noch schwieriger zu erlernen, weil die Struktur deutlich von den europäischen Sprachfamilien abweicht.
Im Internat, in dem P. Eichenhüller und ich unsere Zimmer haben, gibt es immer Arbeit und Abwechslung. Bis spät abends kommen die Schüler, um mit uns zu lernen, zu spielen oder um sich einfach zu unterhalten. Mehrmals in der Woche haben sie Gelegenheit, die Hl. Messe zu besuchen. Hier begann ich mit den ersten Versuchen, auf russisch zu predigen. Dies geschah, indem ich ein oder zwei kurze Sätze sagte. Dann fragte ich nach, ob sie verstanden hätten. Sie korrigierten gegebenenfalls die Fehler, und dann ging es weiter zum nächsten Satz. Am Ende wiederholten sie das Gesagte mit eigenen Worten. Während ich auf diese Weise russisch lerne, erfahren sie einiges über die christlichen Grundwahrheiten.
Daneben verlangt ihnen die Schule viel Einsatz ab: Der Unterricht
dauert oft bis zum späten Nachmittag. Kein Wunder, dass unter diesen
Umständen gerade die Begeisterung für die obligatorischen
Hausaufgaben nicht besonders groß ist. Die Kinder lernen neben
Englisch, Russisch und Kasachisch auch die deutsche Sprache, die ab
dem kommenden Schuljahr noch intensiver gefördert wird. In diesem
Zusammenhang findet in diesem Jahr zum ersten Mal ein
Schüleraustausch statt.12 unserer Schulkinder haben die Möglichkeit,
vier Wochen in Österreich zu verbringen, um dort Sprache und Kultur
kennenzulernen. Dieses Projekt konnte mit Unterstützung des Staates
Österreich verwirklicht werden. Neben der sprachlichen Ausbildung
legt die Schule einen Schwerpunkt auf die musischen Fähigkeiten, die
besonders in Choreographie gefördert werden. Immer wieder
überraschen die Kinder durch hervorragende Tanzdarbietungen. Sie
lernen schon früh, sich frei und selbstbewusst
in ihren jeweiligen Rollen zu präsentieren.
Neben den Aufgaben in Korneewka betreuen wir eine Pfarrei namens Tonkoschurowka. Dieses Dorf war vor noch zwei Jahrzehnten fast vollständig deutschsprachig gewesen. Eine Russischlehrerin, die sich hier ansiedelte, verzweifelte beinahe, wie sie erzählt, weil kein Mensch sie verstand. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zogen die Meisten allerdings nach Deutschland, nur ein knappes Fünftel der Bevölkerung blieb im Dorf. Die übrigen Häuser wurden von Russen und Kasachen besiedelt, oder verfielen. Heute wirkt die Siedlung mit ihren zahlreichen Ruinen beinahe unheimlich. Hier leben seit bald schon 10 Jahren Franziskanerinnen aus Völkabruck (Österreich), die sich in großartiger Weise um das geistige und materielle Wohl der Menschen sorgen. Sr. Johanna ist dazu noch Lehrerin an unserer Schule in Korneewka. Der Weg dorthin ist allerdings oft nur mit Schwierigkeiten befahrbar: Schlamm, Eis, Kälte sind mehr als die Hälfte des Jahres ständige Wegbegleiter.
Übrigens gibt es noch mehr deutschsprachige Ordensleute in unserer Umgebung: Etwa eine Stunde Autofahrt von uns entfernt wirken zwei Missionsbenediktiner aus der Schweiz. Traditionell treffen wir uns am 27. Dezember mit den Schwestern und den Benediktinern zu einem internen deutschen Weihnachtsfest. Dies ist jedes Mal ein schönes Erlebnis, denn Weihnachten feiert man hier gewöhnlich gemäß dem orthodoxen Kalender erst etwa zwei Wochen nach unserem Termin.
Das neue Jahr bringt nicht nur eine Kältewelle, sondern auch viele Aufgaben. Nach dem 7. Januar (orthodoxes Weihnachten) beginnen die Hausbesuche in unseren Gemeinden. Bei durchschnittlich –20° C stapfen Sr. Herma (eine Vöklabrucker Schwester) und ich, ausgestattet mit Weihrauch und Weihwasser, durch Schnee und Kälte zu den einzelnen Wohnungen, um Haus und Menschen zu segnen. Die Begegnungen, die sich ergeben, sind oft interessant, manchmal auch sehr bewegend. Nicht nur die Katholiken und Orthodoxen empfangen uns mit offenen Händen. Auch viele „echte“ Kasachen (Asiaten), die überwiegend Moslems sind, nehmen uns gerne auf. „Ich bin niemals allein“ sagt eine Babuschka, die in einem verfallenen Haus wohnt, ihre Augen leuchten. „Gott ist immer mit mir.“ „Gott ist unser aller Vater“ sagt eine andere Kasachin (vielleicht etwas synkretistisch angehaucht), deshalb ist Sr. Herma ihre Schwester, „und du“, sie zeigt auf mich, „bist mein Söhnchen“ (sinok).
Oft fragen die Leute, ob ich verheiratet sei, wo sich meine Frau
befinde. Viele (besonders Muslime) sind mehr als überrascht davon,
dass katholische Priester ehelos leben. Ein junger kasachischer
Erwachsener, der mich hin und wieder besucht, glaubt mir nach wie
vor nicht, dass ich das ganz ernst meine. Oft sind sie völlig
verdattert, wenn sie erfahren, dass Gott Menschen beruft. „Wie macht
er das“, fragte mich einer, „kommt er zur Tür herein und sagt dir,
was er will?“ Die Frage ist vielleicht primitiv gestellt, aber
durchaus ernst gemeint.
Hier kann man wirklich erleben, wie viel Elend in vielen Häusern herrscht, verursacht durch Arbeitslosigkeit, Alkoholmissbrauch, Drogen. Gerade ältere Menschen brechen immer wieder in Tränen aus und klagen darüber, wie schwer ihnen das Leben fällt. Oft fehlen die wichtigsten Einrichtungsgegenstände, Manche schlafen auf Kleidern oder Fellen, die sie auf dem Boden ausgebreitet haben. Viele Häuser sind völlig windschief und vor allem: Fast überall fehlt die Wasserversorgung. Um an Frischwasser zu gelangen, müssen die Einwohner mehrmals täglich in Metallkannen vom Dorfbrunnen Wasser schöpfen. Demzufolge sind die hygienischen Bedingungen katastrophal: Die Kleider werden nur sehr selten gewaschen,Toiletten befinden sich im Stall oder in kleinen Hütten irgendwo im Garten. Man wäscht sich in einem kleinen Becken, über dem ein Behälter für vielleicht fünf Liter Wasser installiert ist. Die Universalreinigung erfolgt deshalb meist am Wochenende in der Sauna, die in den meisten Häusern integriert ist. Hier schwitzt man den Schmutz der vergangenen Woche(n) vom Leib.
Trotz dieser z. T., archaischen Zustände, sind bestimmte moderne Technologien durchaus schon bis hierher vorgedrungen: Fast Jeder hat mittlerweile ein eigenes Handy, vor fast allen Haushalten befindet sich eine Satellitenschüssel. Dies hat allerdings den Nachteil, dass die Leute (sofern sie keine Arbeit haben, was häufig der Fall ist), den Großteil des Tages vor dem Fernseher verbringen, und darüber hinaus nur ihren essentiellsten Bedürfnissen nachkommen.
Ein Haus ist mir im Gedächtnis geblieben, das durch geradezu
pedantische Ordnung hervorsticht. Hier wohnt eine ehemalige
Polizisten mit ihrem Mann. Sie war über dreißig Jahre im Dienst, ist
aber auch heute noch zur Stelle, wenn Recht und Gerechtigkeit
verletzt werden – was sehr häufig der Fall ist. Am liebsten
präsentiert sie sich in ihrer alten sowjetischen Polizeiuniform, die
mit Orden und Verdienstabzeichen übersät ist. Während der Segnung
gelangen wir an einen wohlgefüllten Bücherschrank, in dem sich nach
genauerem Hinsehen die gesammelten Schriften von Lenin (kommt im
Umfang etwa der dt. Thomasausgabe gleich) befinden. „Die habe ich
alle gelesen“ berichtet sie nicht ohne Stolz. „Hat ganz gute Sachen
gesagt.“ Trotz dieser Sympathien für Lenins Gesamtwerk freut sie
sich über die Haussegnung und lässt sich in Uniform gemeinsam mit
Sr. Herma fotografieren.

Die Wochen nach den Haussegnungen können als die „Zeit der drei Feste“ bezeichnet werden: Am Freitagnachmittag hatten wir neues Heizöl erhalten. Sehr erleichtert (der Tank war schon zur Neige gegangen) veranstalteten wir deswegen am Abend eine kleine Feier (1. Fest). Doch schon am nächsten Tag funktionierte der Heizkessel nicht mehr. Selbst den begabtesten Handwerkern gelang es nicht, ihn wieder in Betrieb zu nehmen. Nach etwa vier Tagen holten wir einen Spezialisten aus der Stadt. In 36 stündiger Arbeit konnte er uns am Abend des darauffolgenden Tages die funktionierende Heizung präsentieren. Allerdings blieben die Freudenstürme aus, da in der Zwischenzeit die Wasserleitung zwischen Heizung und Haus gefroren war, weshalb der Wohnbereich weiterhin kalt blieb.
Bei beinahe -30 Grad gelang es dann am darauffolgenden Freitag, eine neue Leitung zu installieren, mit deren Hilfe die Wärmeversorgung einigermaßen gewährleistet werden konnte. Doch schon kurz nach einer kleinen Feier (2. Fest) am Abend dieses anstrengenden Tages fiel wieder der Heizungsofen aus. Den kommenden Samstag verbrachten wir damit, diesen wieder in Gang zu setzen. Nun, am nächsten Freitag (gestern, 30.1.2009) gab es wieder Grund zur Freude: Die Arbeiter hatten es geschafft, die bis jetzt gefrorene Wasserleitung zu enteisen, woraufhin binnen einer halben Stunde alle Heizkörper im Haus wieder warm wurden. Nach der Feier (3. Fest), die wir anlässlich dieser glücklichen Umstände anberaumten, blickten wir vertrauensvoll und gelassen in die Zukunft, um dann heute Morgen wieder im Kalten zu erwachten. Wieder war die Heizung, wohl aufgrund der schlechten Ölqualität, ausgefallen. Bedauerlicherweise erwarten wir für die nächsten Tage Temperaturen bis minus 40 Grad.
Wie auch immer: Komme was will, wir sehen ihm mit Spannung entgegen... Sollten wir die kommenden Tage überstehen, werden wir wieder ein Lebenszeichen von uns geben.
Mit der Bitte um Ihr Gebet für diese großartige Mission schließe ich diesen Bericht.
P. Leopold Kropfreiter
