Liebe Jungen und Mädchen!
Vor einigen Wochen viel mir die Kopie eines Artikels über den
großen katholischen Sozialreformer Bischof von Ketteler in die
Hände. Der Bericht war überschrieben mit:
Das Geheimnis eines Bischofs[1]
«Im Jahre 1869 saßen in einer Bischofsstadt zwei Kirchenfürsten
abends im ernsten Gespräch beisammen. Es war dies der
Diözesanbischof einer deutschen Diözese mit seinem Gast, dem Bischof
Ketteler von Mainz.
Im Laufe des Gesprächs kam der Diözesanbischof auch auf das
segensreiche Wirken seines Gastes zu sprechen.
Doch Bischof Ketteler, der vor allem durch seine soziale
Tätigkeit weltberühmt war, wollte die anerkennenden Worte seines
Gastgebers nicht gelten lassen, sondern erklärte, alles, was er mit
Gottes Hilfe erreicht habe, verdanke er dem Gebet und Opfer eines
anderen, ihm freilich völlig unbekannten Menschen.
Näher danach gefragt, antwortete Bischof Ketteler ausdrücklich:
„Ich kann so viel sagen, dass ich weiß, es hat sich für mich jemand
mit seinem ganzen Leben dem lieben Gott geopfert und diesem Opfer
habe ich es zuzuschreiben, dass ich überhaupt zum geistlichen Stande
gekommen bin.“

Bischof Wilhelm Emmanuel von
Ketteler (1811-1877) half durch sein Predigen, Schreiben und Wirken
die soziale Not und Armut der Arbeiter des 19. Jahrhunderts zu
lindern.
Ein Ereignis
Überrascht schaute der Freund den Sprechenden fragend an. Der
aber fuhr fort: „Ich kann Ihnen die Sache sagen: Ich war
ursprünglich nicht zum Priester bestimmt. Ich hatte meine
Staatsprüfung in Rechtswissenschaft gemacht und dachte nur daran,
möglichst bald voranzukommen, eine bedeutende Stelle in der Welt zu
erhalten und Ehre, Genuss, Ansehen und Geld zu erwerben. Ein
außerordentliches Ereignis hat mich von diesem Wege zurückgehalten
und mein Leben in eine andere Bahn gelenkt. Ich war eines Abends
allein im tiefdämmernden Zimmer und überließ mich meinen ehrgeizigen
und genusssüchtigen Träumen und Zukunftsplänen. Ich weiß nicht, was
nun geschah, wachte oder schlief ich, sah ich in Wirklichkeit oder
im Traum, aber das weiß ich, dass das, was ich gesehen habe, eine
Wendung für mein Leben herbeigeführt hat. Ganz klar und deutlich
habe ich geschaut, wie der Heiland, sein heiligstes Herz zeigend,
über mir in strahlender Wolke stand. Vor ihm kniete eine Ordensfrau
und hob flehend die Hände zu ihm auf; aus seinem Munde aber hörte
ich die Worte: „Sie betet ohne Unterlass für dich!“ Ich sah ganz
deutlich die Gestalt der Beterin, und ihre Gesichtszüge haben sich
mir so eingeprägt, dass ich sie noch heute im Gedächtnis habe. Sie
schien eine ganz gewöhnliche Laienschwester zu sein. Ihr Gewand war
sehr ärmlich und grob, ihre Hände waren wie von schwerer Arbeit
gerötet und schwielig. Mag dem nun sein, wie da will, mag es ein
Traumbild gewesen sein oder nicht, außerordentlich war es jedenfalls
für mich; denn ich wurde davon so bis ins Mark hinein erschüttert,
dass ich von da an beschloss, mich ganz Gott und seinem heiligen
Dienste zu weihen.
Ich zog mich in ein Kloster zurück, um Exerzitien zu machen, und
besprach alles mit meinem Beichtvater. Er billigte meinen
Entschluss, Priester zu werden. Ich begann, 30 Jahre alt, Theologie
zu studieren. Das weitere wissen Sie. Und wenn Sie nun meinen, dass
durch mich irgendwie Gutes geschieht, so wissen Sie jetzt auch, wer
eigentlich das Verdienst daran hat. Es ist jene Klosterfrau, die für
mich gebetet hat, vielleicht ohne mich zu kennen. Denn ich bin
überzeugt, dass für mich gebetet worden ist und noch im geheimen
gebetet wird, und dass ich ohne dieses Gebet das Ziel, das Gott mir
gesteckt hat, nicht erreichen konnte.“
„Und haben Sie eine Ahnung, wo etwa und durch wen für Sie gebetet
worden ist?“, fragte der Diözesanbischof. „Niemals in meinem Leben,
ich kann nur Gott täglich bitten, dass er sie, wenn sie noch auf
Erden ist, segne und ihr tausendfach vergelte, was sie an mir
getan.“
Ein erfüllter Wunsch
Am nächsten Tag feierte Bischof Ketteler die Heilige Messe in der
Kapelle von Ordensfrauen. Während derselben teilte er an sie die
heilige Kommunion aus. Schon war er am Ende der letzten Reihe
angekommen, als sein Auge plötzlich bei einer Ordensschwester haften
blieb. Tiefe Blässe breitete sich über sein Antlitz aus. Er stand
da, ohne sich zu rühren. Ein Zittern befiel ihn. Doch raffte er sich
auf und spendete der andächtig knienden Klosterfrau, die von der
Verzögerung kaum etwas bemerkt hatte, die heilige Kommunion. Ruhig
vollendete er dann die Heilige Messe. Eine ungewöhnlich lange
Danksagung folgte darauf.
Zum Frühstück war auch der Bischof, dessen Gast er war, ins
Kloster gekommen. Nach demselben nun sprach Bischof Ketteler die
Bitte aus, dass ihm die Oberin sämtliche Schwestern des Hauses
vorstelle. Der Wunsch wurde erfüllt. Nach kurzer Zeit meldete ihm
die Oberin, dass alle Schwestern des Hauses versammelt seien. Die
beiden Bischöfe begaben sich zu ihnen.
Das Auge des Gastes überflog grüßend und suchend die Reihen der
Schwestern. Unbefriedigt forschte er immer wieder. Er schien nicht
zu finden, was er suchte.
Leise fragte er die Oberin: „Sind wirklich alle Schwestern da?“
Die Angeredete überschaute die ganze Schwesternschar und sagte
dann: „Bischöfliche Gnaden, ich ließ alle rufen, aber es fehlt in
der Tat eine Schwester.“
„Warum ist sie denn nicht gekommen? Was hat sie für eine Arbeit,
dass sie nicht abkommen kann?“
„Sie besorgt den Stall“, antwortete die Oberin, „und zwar in
musterhafter Weise. In ihrem Eifer vergisst sie dann manchmal andere
Dinge.“
„Ich wünsche die Schwester zu sehen“, sprach der Bischof.
Nach einiger Zeit trat die Gerufene herein. Wiederum erbleichte
der Bischof und wiederum durchschauerte es ihn. Nachdem er einige
Worte an die Schwester gerichtet halte, bat er, mit dieser Schwester
allein gelassen zu werden.
„Kennen Sie mich?“, fragte sie nun der Bischof.
„Ich habe Bischöfliche Gnaden noch nie gesehen.“
„Haben Sie einmal gebetet oder gute Werke für mich aufgeopfert?“
„Es ist mir nicht bewusst, da ich von Eurer Bischöflichen Gnaden
noch nie gehört habe.“
Frage und Antwort
Bischof Ketteler stand einige Augenblicke schweigend da. Dann
fragte er plötzlich weiter. „Welche Andacht pflegen Sie am liebsten
und häufigsten?“
Die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu“, war die Antwort. „Sie
haben, wie es scheint, die schwerste Arbeit im Kloster“, fuhr der
Bischof fort. „O nein, Bischöfliche Gnaden“, sagte die Schwester,
„aber ich kann nicht leugnen, dass sie mir zuwider ist.“
„Und was tun sie denn, wenn solche Anfechtungen kommen?“ „Ich
habe mir angewöhnt, alle Dinge, die mir Überwindung kosten, aus
Liebe zum göttlichen Herzen erst recht gern und eifrig anzupacken.
Und ich opfere das dann auf für eine arme Seele, die es auf dieser
Welt besonders braucht. Wem der liebe Gott dafür gnädig sein will,
das habe ich ihm ganz überlasen und will es nicht wissen. Auch die
Stunde der Anbetung vor dem heiligsten Sakramente, jeden Abend von 8
bis 9 Uhr, opfere ich in dieser Meinung auf.“
„Und wie kommen Sie auf diesen Gedanken, all ihre Verdienste für
eine ganz unbekannte Seele aufzuopfern?“
„Das ist mir immer so im Sinn gewesen schon als ich noch in der
Welt draußen war“, lautete die Antwort: „Als ich in der Schule war,
lehrte uns der Herr Pfarrer, dass und wie man für seine Angehörigen
beten und seine Verdienste aufopfern solle. Und außerdem meinte er,
solle man auch für andere, die in Gefahr sind, ihr Seelenheil zu
verlieren, viel beten. Da aber Gott allein wisse, wer dessen
besonders bedarf, so sei es auch das Beste, dass man seine
Verdienste dem heiligsten Herzen Jesu zur Verfügung stelle, damit er
sie demjenigen zugute kommen lasse, für den seine Allwissenheit und
Weisheit es für gut fände.
Gott macht alles recht
So habe ich es gemacht“, schloss sie, „und immer gedacht, Gott
werde die rechte Seele schon finden.“
„Wie alt sind Sie? ,,Dreiunddreißig Jahre, Bischöfliche Gnaden.“
Der Bekehrungstag
Der Bischof hielt einen Augenblick betroffen inne. Dann sagte er:
„Wann sind Sie geboren?“ Die Schwester nannte den Tag. Den Lippen
des Bischofs entfuhr ein Ausruf. Ihr Geburtstag war sein
Bekehrungstag. An jenem Tag hatte er sie genau so vor sich gesehen,
wie sie jetzt vor ihm stand. „Und wissen Sie gar nicht, ob Ihr Gebet
und Opfer einen Erfolg gehabt hat?“
„Nein, Bischöfliche Gnaden“.
„Und wünschen Sie es nicht zu wissen?“
Segen
„Der liebe Gott weiß es, wenn etwas Gutes geschieht, und das ist
genug“, war die einfache Antwort.
Der Bischof war erschüttert. „So fahren Sie in Gottes Namen mit
diesem Werke fort“, sprach er. Die Schwester aber kniete schon zu
seinen Füßen und erbat seinen Segen. Der Bischof erhob hoch und
feierlich seine Hände zum Himmel und sprach mit tiefer Bewegung und
Ergriffenheit: „So segne ich Sie in all der Kraft und Gewalt, die
ein Bischof zum Segnen hat. Ich segne Ihre Seele, ich segne Ihre
Hände und deren Arbeit, segne Ihr Beten und Opfern, Ihr Überwinden
und Gehorchen, ich segne Sie für und für und ganz besonders für die
letzte Stunde und bitte Gott, dass er Ihnen mit all seinem Trost
beistehen möge. Das gebe Gott der Vater und der Sohn und der Heilige
Geist.“
„Amen“, sprach die arme Laienschwester ruhig, erhob sich und ging
hinaus.
Der Kirchenführer aber trat, im Innersten erschüttert, ans
Fenster und blickte, Fassung suchend, hinaus. Nach einiger Zeit
verabschiedete er sich von der Oberin und kehrte in die Wohnung
seines bischöflichen Freundes zurück. Diesem sagte er dann: „Nun ist
jene gefunden, der ich meine Bekehrung, meinen Beruf und mein
Beharren in demselben verdanke.
Es ist die letzte und ärmste Laienschwester des Klosters. Ich
kann Gott nicht genug für seine Barmherzigkeit danken. Denn die
Schwester betet seit kaum zwanzig Jahren für mich; Gott aber hat im
voraus schon ihr Gebet angenommen, und an dem Tage, an dem sie das
Licht der Welt erblickte, bereits meine Bekehrung bewirkt, im
Vorauswissen ihrer fürbittenden Werke und Gebete.“
„Welch eine Lehre und Mahnung für mich“, fügte er bei. „Wenn ich
je in Versuchung kommen sollte, auf gewisse Erfolge und auf mein
Wirken vor den Menschen eitel zu werden, dann muss ich mir um der
Wahrheit willen stets vorhalten: das verdankst du eigentlich nur dem
Gebet und dem Opfer einer armen Magd im Klosterstall. Und wenn mir
eine kleine und geringe Arbeit wenig wertvoll erscheinen möchte,
dann sagt mir dieselbe Tatsache:
Gehorsam gegen Gott
Das, was die letzte Magd im demütigen Gehorsam gegen Gott und in
Überwindung ihrer selbst tut und opfert, ist vor Gott dem Herrn so
viel wert, dass diese Verdienste der Kirche einen Bischof erweckt
haben.“»
Die reine Meinung
Diese große Gestalt der Ordensschwester wird zurecht unsere
Bewunderung erwecken. Was für eine Ausgeglichenheit, Freude und
Festigkeit strahlt sie aus. Was ist ihr Geheimnis für diese Kraft?
Ihr Geheimnis ist ihre Verbindung mit Jesus Christus. Bei allem, was
sie tut, denkt sie an Jesus. Alles soll zu seiner Ehre sein. Vor
allem, wenn ihr etwas schwer fällt, opfert sie es Jesus auf.
Aufopfern heißt: unsere Werke mit dem Erlösungswerk Christi in Kreuz
und Auferstehung, mit seiner Liebe zu verbinden. Die Liebe ist immer
schön und wunderbar. Und so werden auch schwere und dunkle
Augenblicke im Leben zu Sternstunden, wenn wir sie mit der Liebe und
dem Licht Christi verbinden. Das nennen wir die «reine Meinung».
Alles in der Meinung Christi tun, uns mit seinem Willen und seiner
Liebe verbinden.
Erneuerung in der Gnade und Freude
Auch unser Alltag kennt nicht nur Freude und Vergnügen, sondern
auch Anstrengendes und mitunter Schweres gehört dazu: Hausaufgaben,
im Haus helfen, nachgeben, sich zum Guten überwinden, immer gut zu
den anderen sein, Krankheit, Erfolglosigkeit... Versuchen wir gerade
in schwierigen Zeiten, durch Stoßgebete die Verbindung zu Jesus
immer mehr zu festigen, mit der reinen Meinung all unser Tun Jesus
zu schenken. Und dann werden wir hier auf Erden schon staunen, wie
wunderbar frohmachend die Gemeinschaft mit ihm ist, und spätestens
im Himmel dürfen wir – wie diese große Ordensschwester – staunend
sehen, was Gott auch bei uns selbst und auch bei anderen Menschen
durch unsere gute Meinung wirken wollte und konnte.
Euer in Christo per Mariam
Martin Linner SJM
[1] Am 13.02.1999 erschien mit diesem Titel
unter der Rubrik «Politik und Kultur» der folgende Artikel
in einer mir unbekannten Zeitschrift, deren Name nicht
ausgemacht werden konnte.
